Früher haben wir den Kunden vermessen. Heute baut er sich seine Lösung selbst. In diesem Satz steckt für mich die größte Verschiebung, die KI gerade in Unternehmen auslöst. Der Kern liegt dabei weniger im schnelleren Programmieren. Er liegt darin, dass die Menschen, die ein Problem haben, die Lösung jetzt selbst bauen können, genau dort, wo sie gebraucht wird.
Der Name für diese Entwicklung ist Vibe Coding. In diesem Beitrag geht es darum, was dahintersteckt, warum es den Nutzen von Software grundlegend verändert und welche Leitplanken Führungsteams im Mittelstand jetzt setzen sollten.
Was ist Vibe Coding?
Vibe Coding bezeichnet eine Arbeitsweise, bei der man Software nicht mehr Zeile für Zeile schreibt, sondern einer KI in natürlicher Sprache beschreibt, was entstehen soll. Man probiert das Ergebnis aus, formuliert die nächste Änderung, und das Werkzeug wächst Schritt für Schritt. Geprägt hat den Begriff der KI-Forscher Andrej Karpathy im Februar 2025 in einem Beitrag auf X. Wie schnell er sich durchgesetzt hat, zeigt ein Detail: Das britische Collins Dictionary hat „vibe coding" zum Wort des Jahres 2025 gekürt.
Zur ehrlichen Einordnung gehört eine Abgrenzung. In seiner ursprünglichen Form bedeutet Vibe Coding, dass man sich den erzeugten Code gar nicht mehr ansieht. Der Softwareentwickler Martin Fowler beschreibt das treffend als Ansatz für Werkzeuge, die man selbst oder ein kleiner, eingeweihter Kreis nutzt. Sobald Software breiter eingesetzt wird oder Folgen für Kunden, Daten oder Prozesse hat, braucht sie Prüfung, Struktur und Verantwortung. An genau dieser Grenze entscheidet sich, ob Vibe Coding im Unternehmen zum Produktivitätssprung wird oder zur Baustelle.
Früher messen, heute bauen: der Bruch im Entwicklungsmodell
Im E-Commerce, auch in meinen zwölf Jahren bei DocMorris, folgte Fortschritt einem bewährten Muster. Wir haben Ergebnisse direkt am Kunden gemessen, daraus Hypothesen gebildet, getestet, optimiert und die nächste Version geplant. Fortgeschrittene Unternehmen arbeiten bis heute so, und dieses Muster hat viel Wachstum gebracht.
Zwei Eigenschaften waren darin allerdings fest eingebaut. Zwischen Erkenntnis und Nutzen lagen oft Monate, weil jede Verbesserung durch Priorisierung, Entwicklung und Release musste. Und am Ende bekamen alle Kunden dieselbe Lösung: einen Kompromiss, der für die Mehrheit gut genug war und für niemanden perfekt.
Vibe Coding dreht diese Logik um. Der Nutzer wartet nicht mehr darauf, dass jemand sein Verhalten auswertet und daraus ein Feature ableitet. Er beschreibt, was er braucht, und baut es selbst. Die Schleife aus Messen, Vermuten und Nachbessern schrumpft von Monaten auf Stunden.
Warum das neue Tempo nicht vom Tippen kommt
Ich arbeite täglich mit Claude Code und habe mir mein CRM selbst gebaut, exakt entlang meiner Customer Journey in der Akquise. Es spart mir drei bis fünf Stunden am Tag. Ein Anbieter für den Massenmarkt richtet sein Produkt zwangsläufig am Durchschnitt aus, mein Werkzeug folgt genau meinem Arbeitsablauf.
Daran wird sichtbar, woher das Tempo wirklich kommt. Es entsteht aus dem Umweg, der wegfällt: kein Lastenheft, keine Übersetzung zwischen Fachbereich und Entwicklung, kein Warten auf den nächsten Release. Wer das Problem hat, baut die Lösung. Das ist Nutzenmaximierung in Reinform, weil jede Funktion genau das tut, was an dieser Stelle gebraucht wird, und nichts darüber hinaus.
Dasselbe erlebe ich bei Solo-Selbstständigen, die in meiner Website-Kur ihre eigene Website mit KI bauen und danach selbst weiterpflegen. Der eigentliche Gewinn ist die Unabhängigkeit: Änderungen passieren, wenn sie gebraucht werden, und nicht erst, wenn eine Agentur Zeit hat.
Standardsoftware, Individualsoftware und das dritte Modell
Bisher stand jedes Unternehmen vor derselben Abwägung. Standardsoftware ist schnell verfügbar und vergleichsweise günstig, zwingt die Prozesse aber in eine fremde Logik. Individualsoftware passt genau, ist aber teuer, langsam in der Entwicklung und abhängig von wenigen Menschen, die den Code verstehen.
Vibe Coding schafft ein drittes Modell. Teams bauen kleine, passgenaue Werkzeuge rund um die großen Systeme, die bleiben, wo sie hingehören. Das ERP rechnet weiter die Buchhaltung, das CRM verwaltet weiter die Kundendaten. Die Auswertung, die der Vertrieb jeden Montag braucht, das Formular, das der Außendienst wirklich nutzt, oder der Konfigurator, den ein Handwerksbetrieb seinen Kunden anbieten will, entstehen dagegen dort, wo das Wissen sitzt. Für viele dieser Anwendungen gab es bisher schlicht kein Budget, deshalb wurden sie nie gebaut.
Die Menschen sind bereit, die Organisation entscheidet
Die Bereitschaft der Mitarbeitenden ist längst da. Im Work Trend Index 2026 von Microsoft und LinkedIn, für den 20.000 KI-Nutzende in zehn Ländern befragt wurden, sagen 58 Prozent, dass sie heute Arbeit erstellen, die ihnen vor einem Jahr noch unmöglich gewesen wäre. Bei den fortgeschrittensten Nutzerinnen und Nutzern sind es 80 Prozent.
Noch aufschlussreicher finde ich eine andere Zahl aus derselben Studie. Rund zwei Drittel der berichteten KI-Wirkung erklären sich durch organisatorische Faktoren wie Kultur, Rückhalt durch Vorgesetzte und Talentpraxis, nur rund ein Drittel durch das Verhalten des Einzelnen. Gleichzeitig sagt nur ein Viertel der Befragten, dass die eigene Führung klar und konsistent auf KI ausgerichtet ist.
Für Führungsteams ist das eine gute Nachricht, denn der größte Hebel liegt in der eigenen Hand. Wer Vibe Coding im Unternehmen ermöglichen will, braucht dafür keine neuen Genies. Es braucht einen Rahmen, in dem die vorhandenen Menschen loslegen dürfen.
Citizen Developer statt Schatten-IT: Leitplanken, die Tempo erlauben
Mitarbeitende, die außerhalb der IT eigene Anwendungen bauen, nennt man Citizen Developer, den Ansatz selbst Citizen Development. Mit KI wächst diese Gruppe gerade schneller als jede Low-Code-Welle zuvor. Ohne Rahmen entsteht daraus Schatten-IT: Werkzeuge, von denen niemand weiß, die mit Daten arbeiten, die niemand freigegeben hat, und die verschwinden, wenn ihr Erbauer das Unternehmen verlässt. Das ist ein deutliches Signal, dass der Bedarf größer ist als das Angebot.
Die passende Antwort darauf ist Klarheit. Aus meiner Erfahrung tragen vor allem vier Leitplanken:
- Klare Zonen. Persönliche Werkzeuge und kleine Team-Helfer dürfen frei entstehen. Alles, was Kundendaten verarbeitet, nach außen wirkt oder geschäftskritische Prozesse steuert, durchläuft eine Prüfung mit der IT.
- Ein festgelegter Maßstab. Bevor ein Werkzeug breit genutzt wird, steht fest, woran man ein richtiges Ergebnis erkennt, etwa durch Testfälle mit bekannten Antworten. Wie weit das gehen kann, zeigt Anthropic gerade: Dort hat die KI für 123 Open-Source-Bibliotheken mathematische Korrektheitsbeweise erzeugt und dabei Hunderte Fehler gefunden. Die größte Hürde war auch dort die Festlegung, was „korrekt" überhaupt bedeutet.
- Eine KI-Richtlinie, die ermöglicht. Welche Werkzeuge sind freigegeben, welche Daten dürfen hinein, wer ist Ansprechpartner? Kurz, verständlich und so formuliert, dass sie Mut macht. Wie eine schlanke KI-Governance aussieht, findest du unter KI-Compliance.
- Kompetenz statt Zufall. Seit Februar 2025 verlangt der EU AI Act in Artikel 4, dass Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen, nach besten Kräften für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Mitarbeitenden sorgen. Wer Teams befähigt, selbst zu bauen, erfüllt diese Pflicht mit echtem Nutzen für den Alltag. Hintergründe stehen auf der Seite zur KI-Schulungspflicht.
Was Führungsteams jetzt konkret tun können
Der Einstieg gelingt am besten in überschaubaren Schritten:
- Engpässe sammeln. Erfasse mit deinen Teams die Aufgaben, die heute am meisten Zeit kosten und für die es keine passende Software gibt.
- Klein auswählen. Wählt zwei oder drei davon aus, bei denen der Nutzen schnell sichtbar wird und das Risiko gering ist.
- Selbst bauen, begleitet. Ein kleines Team baut diese Lösungen selbst, begleitet von jemandem, der Technik und Menschen gleichermaßen versteht.
- Wirkung messen. Am Ende zählt, was sich verändert hat: gesparte Zeit, Qualität und die Zufriedenheit derer, die damit arbeiten.
Den Ausschlag gibt dabei die Haltung der Führung. Teams bauen dann selbst, wenn sie spüren, dass Ausprobieren erwünscht ist und ein erster Versuch auch scheitern darf. Genau hier verbinde ich in meinen KI-Implementierungen Technologie, Menschen und Wachstum: Die Umsetzung machen die Teams selbst, on the job und an ihren echten Aufgaben. Ich sorge dafür, dass sie es können und dürfen, und dass KI-Kompetenz entsteht, die bleibt.
Fazit: Software entsteht dort, wo das Problem sitzt
Vibe Coding ist mehr als ein Trendbegriff. Es verschiebt die Frage, wer in einem Unternehmen Software gestalten darf, und es verlagert die Entwicklung von der Vermutung über den Kunden hin zum Kunden selbst. Das Tempo entsteht aus Passgenauigkeit. Unternehmen, die ihren Teams Freiraum geben, klare Leitplanken setzen und einen gemeinsamen Qualitätsmaßstab festlegen, bekommen Lösungen, die passen, statt Lizenzen, die verstauben.
Den größten Wert stiftet Software, die dort entsteht, wo das Problem sitzt.
FAQ zu Vibe Coding im Unternehmen
Braucht man für Vibe Coding Programmierkenntnisse?
Für einfache Werkzeuge reicht es, in natürlicher Sprache zu beschreiben, was entstehen soll, und das Ergebnis im Dialog mit der KI zu verbessern. Hilfreich ist ein Grundverständnis dafür, wie Daten fließen und wie man ein Ergebnis überprüft. Sobald ein Werkzeug breiter genutzt wird, sollte jemand mit technischem Verständnis draufschauen.
Ist Vibe Coding sicher?
So sicher wie der Rahmen, in dem es stattfindet. Die größten Risiken liegen bei ungeprüftem Code, der sensible Daten verarbeitet, und bei Werkzeugen, die ohne Wissen der IT entstehen. Mit klaren Zonen, freigegebenen Werkzeugen und einem festgelegten Prüfmaßstab lässt sich das gut beherrschen.
Ersetzt Vibe Coding die IT-Abteilung?
Die IT bleibt unverzichtbar, ihre Rolle verändert sich. Sie betreibt weiter die Kernsysteme, setzt den Rahmen für sichere Eigenentwicklungen und prüft, was breit ausgerollt wird. Statt jede Anfrage selbst umzusetzen, befähigt sie die Fachbereiche.
Lohnt sich Vibe Coding auch für den Mittelstand?
Gerade dort. Mittelständische Unternehmen haben viele spezielle Abläufe, für die sich teure Individualsoftware nie gerechnet hat. Kleine, selbst gebaute Werkzeuge schließen genau diese Lücken, mit überschaubarem Aufwand und ohne großes IT-Projekt.
Quellen
- Martin Fowler: Vibe Coding
- CNN via KVIA, 06.11.2025: Vibe coding named Collins Dictionary's word of the year
- Microsoft 365 Blog, 05.05.2026: Work Trend Index 2026
- Anthropic Research, 22.10.2026: LLMs are making formal software verification feasible at a much larger scale
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