47 Stunden Stau und ein Auto, das kurz abhebt
47 Stunden hat der typische Autofahrer in Deutschland 2025 im Stau verloren. In Köln waren es 67, rund 20 Prozent mehr als im Jahr davor. INRIX beziffert den Schaden auf etwa 750 Euro verlorene Zeit und Produktivität pro Fahrer.
Und was lernen wir daraus? Wenig. Gestern Nacht hat Tesla in Texas den neuen Roadster gezeigt. Mit Kaltgas-Düsen von SpaceX soll er in kurzen Schüben fliegen können. Hier kannst du dir die Präsentation selbst ansehen: Tesla Roadster mit SpaceX-Düsen (Video).
Technisch beeindruckend, keine Frage. Im Stau auf der A4 hilft es trotzdem niemandem. Das Auto wird noch spektakulärer, das Problem bleibt dasselbe.
Ich halte das Auto schon lange vor allem für ein Statussymbol. Ehrlich gesagt ärgert mich das. Nicht das Auto selbst, sondern dass wir so viel Energie darauf verwenden, das Bekannte zu verfeinern, statt den Weg neu zu denken.
Was wäre, wenn wir vom kürzesten Weg her denken?
Stell dir vor, Mobilität beginnt nicht beim Fahrzeug, sondern beim Ziel. Du willst von A nach B. Autonome Drohnen fliegen dich auf direkter Linie dorthin, ohne Ampel, ohne Abbiegespur, ohne Umweg über die nächste Auffahrt.
Das würde mehr lösen, als man auf den ersten Blick denkt:
- Keine Staus. Die 47 Stunden und die 750 Euro pro Fahrer und Jahr fallen weg. Hochgerechnet auf ein Unternehmen mit 200 pendelnden Mitarbeitern ist das schnell ein sechsstelliger Betrag an verlorener Zeit.
- Keine Umleitungen. Kein Warten auf die nächste Brückensanierung, keine gesperrte Talbrücke, die eine ganze Region lahmlegt.
- Fläche wird frei. Autobahnen, Zubringer und Parkhäuser könnten zurückgebaut und begrünt werden. Innenstädte bekämen Raum zurück, der heute als Parkplatz gebunden ist.
- Der Weg folgt dem Ziel. Nicht mehr einem Straßennetz, das vor 50 Jahren für ganz andere Verkehrsmengen geplant wurde.
- Weniger Instandhaltung am Boden. Jeder Kilometer Straße, den wir nicht mehr brauchen, ist ein Kilometer, den niemand sanieren muss.
Ehrlich gesagt: Die Technik ist noch nicht so weit
Wer über den Weg in die Luft schreibt, muss auch über die Grenzen sprechen. Sonst ist es Science-Fiction mit Business-Anstrich.
Die beiden deutschen Hoffnungsträger für Flugtaxis, Lilium und Volocopter, sind in die Insolvenz gegangen. Volocopter hatte trotz technischer Fortschritte keine Musterzulassung der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA erhalten. Bei Lilium platzte eine geplante staatliche Förderung. Beide haben unterschätzt, wie viel Kapital und Zeit Zulassung und Serienreife verschlingen.
Dazu kommen offene Fragen, die keine Präsentation löst:
- Energie. Batterien reichen für Kurzstrecken, aber Fliegen kostet deutlich mehr Energie als Rollen.
- Lärm. Tausende Drohnen über einem Wohngebiet sind ein anderes Geräusch als ein paar Autos auf der Hauptstraße.
- Luftraum. Wer regelt, wer wann wo fliegt? Dafür gibt es heute weder die Regeln noch die Infrastruktur.
Das Bundesverkehrsministerium hatte Teststrecken für Lufttaxis ab 2026 und einen bundesweiten Betrieb ab 2032 angepeilt. Ob das hält, ist offen. Der Weg in die Luft ist also kein Projekt für nächstes Jahr. Er ist aber ein Gedanke, den wir viel zu selten zu Ende denken.
Warum das Alte so fest sitzt
Die spannendere Frage ist nicht, ob Drohnen das Auto ersetzen. Sondern warum wir den Gedanken kaum zulassen. Vier Kräfte halten das bestehende System zusammen, und keine davon hat mit fehlender Intelligenz zu tun.
- Status. Das Auto ist nicht nur Transportmittel, es ist Aussage. Marke, Motor, Ausstattung sagen etwas über den Menschen, der aussteigt. Wer ein Statussymbol infrage stellt, stellt Identität infrage. Und Identität verteidigt man, auch gegen gute Argumente.
- Gebundene Investitionen. Rund 4.000 Autobahnbrücken müssen saniert werden. Der Bund stockt die Mittel dafür auf Milliarden pro Jahr auf. Das ist richtig und notwendig. Es zeigt aber auch: Wer Jahrzehnte in Asphalt plant, plant selten das Ende der Straße mit. Jeder investierte Euro macht den Abschied vom System teurer.
- Ein ganzes Selbstbild. Die Automobilindustrie ist für Deutschland nicht irgendeine Branche. Arbeitsplätze, Zulieferer, ganze Regionen hängen daran. Dass man das Bekannte schützt, ist verständlich und verantwortungsvoll. Es führt aber dazu, dass Neues zuerst als Bedrohung gelesen wird.
- Regeln für das Bestehende. Zulassung, Kfz-Steuer, Versicherung, Raumplanung, Führerschein: Alles ist auf die Straße gebaut. Das Neue tritt nicht gegen das Auto an, sondern gegen ein komplettes Regelwerk, das über Jahrzehnte für das Alte optimiert wurde.
Keine dieser Kräfte ist böse. Zusammen ergeben sie aber ein System, das sich selbst stabilisiert. Und genau dieses Muster kenne ich aus fast jedem Unternehmen.
Das ist kein Autoproblem
Wenn Unternehmen KI einführen, sehe ich dasselbe Muster wie bei Tesla und dem Roadster. Optimiert wird das Bestehende. Ein Chatbot kommt in den alten Serviceprozess, ein Copilot in die alte Angebotserstellung, ein Prognosetool in die alte Disposition. Die Frage, ob es den Prozess in dieser Form überhaupt noch braucht, stellt kaum jemand.
Das liegt nicht am Unwillen der Menschen. Es liegt daran, dass das Alte Identität, Investition und Regelwerk in einem ist. Genau wie beim Auto:
- Status: Der erfahrene Sachbearbeiter ist stolz darauf, wie gut er den Prozess beherrscht. Ein neuer Weg entwertet dieses Wissen scheinbar.
- Investition: Das ERP ist bezahlt, die Schnittstellen sind gebaut, die Schulungen gelaufen.
- Selbstbild: „So machen wir das hier“ ist oft der stärkste Satz in einem Unternehmen.
- Regeln: Freigaben, Zuständigkeiten und Kennzahlen sind auf den alten Ablauf zugeschnitten.
Wie es anders geht, habe ich selbst erlebt. 2003 habe ich für Neckermann eine der ersten mobilen Shop-Anwendungen gebaut, als mobiles Einkaufen technisch noch Neuland war. Der Erfolg kam nicht allein von der Technik. Er kam, weil wir das Team durch seine Unsicherheit mitgenommen haben und vom Ziel her gedacht haben, nicht vom damaligen Shop.
Was hilft: vom Ziel her denken
Du musst nicht gleich das ganze System umwerfen. Aber du kannst die Richtung ändern, aus der du denkst.
- Vom Ziel her denken, nicht vom Werkzeug. Erst die Frage, wohin es gehen soll und was der Kunde davon hat. Dann die Frage, welche Technologie den kürzesten Weg dorthin baut.
- Das Bestehende würdigen, statt es abzuwerten. Wer seine Identität bedroht sieht, verteidigt sie. Wer erlebt, dass sein Wissen im neuen Weg gebraucht wird, geht mit.
- Die Menschen das Neue mitbauen lassen. Akzeptanz entsteht durch Mitgestalten, nicht durch Ankündigen. Ein Townhall-Vortrag verändert keinen Arbeitsalltag, sechs Wochen gemeinsames Arbeiten am echten Prozess schon.
- Regeln mitziehen. Wenn Freigaben und Kennzahlen auf den alten Ablauf zugeschnitten bleiben, gewinnt der alte Ablauf. Jedes Mal.
Genau deshalb beginnt On-the-Job-Implementation bei uns nicht beim Tool, sondern beim Ziel. Und bei den Menschen, die den Weg dorthin gehen. Warum KI-Projekte gerade an dieser Stelle hängen bleiben, beschreibt die Seite KI-Einführung gescheitert.
Wer die Menschen mitnimmt, gewinnt. Beim Auto wie bei der KI.
Welches „Auto“ fährst du in deinem Unternehmen noch, obwohl der kürzere Weg längst denkbar wäre? Wenn du gerade an genau dieser Stelle stehst, schreib mir. Lass uns gemeinsam schauen, wo dein kürzester Weg liegt.
Quellen
- Tesla Roadster mit SpaceX-Düsen, Präsentation vom 15.10.2026 (VideoFromSpace)
- INRIX Global Traffic Scorecard 2025 (Business Wire)
- 4.000 Autobahnbrücken sanierungsbedürftig (Schwäbische)
- Volocopter meldet Insolvenz an (Unternehmeredition)
- Volocopter insolvent, Lilium mit Problemen (ZDFheute)
Titelbild: KI-generiert, Lichtbildgestalter: NxtLvlOrg UG mit künstlicher Intelligenz. Vorschaubild des Videos: Standbild aus der Präsentation, Quelle: Tesla / VideoFromSpace.
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